Warum die 4% Regel wahrscheinlich scheitern wird und was Du dagegen tun kannst

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(Artikel komplett überarbeitet im September 2026)

Kurz gesagt: Die 4% Regel stammt aus einer US-Studie für 30 Jahre Ruhestand mit dem Ziel Restvermögen >0. Wer mit 45 aufhört, plant konservativ für 50 Jahre – und startet aktuell bei einer der höchsten Aktienmarktbewertungen der Geschichte. Beides zusammen macht aus einer bequemen Faustregel ein echtes Risiko. Ich rechne deshalb seit Jahren konservativ mit 3%.

 

Das Wichtigste in Kürze

  • Die 4% Regel geht auf William Bengen (1994) und die Trinity Studie (1998) zurück – beide für einen US-Rentner mit 30 Jahren Entnahmedauer.
  • „Bestanden“ hieß in diesen Studien: Nach 30 Jahren ist noch ein Cent im Depot. Kapitalerhalt war nie das Ziel.
  • Das Shiller CAPE lag beim ersten Erscheinen dieses Artikels bei 28. Heute steht es bei über 41 – der zweithöchste Wert seit 1881.
  • Bei hoher Bewertung und 50+ Jahren Entnahmedauer fällt die sichere Entnahmerate nach heutiger Forschung eher in den Bereich 3% bis 3,3%.
  • Deutsche zahlen zusätzlich Abgeltungssteuer und als Privatier oft Krankenkassenbeiträge auf Kapitalerträge. Beides fehlt in den US-Studien.
  • Meine persönliche Antwort: 3% Entnahmerate, Berücksichtigung von Krankenkassenbeitrag & Steuern, ergänzt um einen Puffer und die Bereitschaft, in schlechten Jahren flexibel zu sein.

 

Meine Allergie gegen Dogmatiker

Ich habe eine Allergie gegen dogmatische Menschen.

Es ist nichts Persönliches, aber von Institutionen und deren Mitgliedern, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem Status quo unterbinden, habe ich mich, so lange ich mich erinnern kann, eher ferngehalten. Es war dabei oft gar keine bewusste Entscheidung, sondern ein unterbewusstes Gefühl von Unwohlsein, das mich aus dieser Umgebung weggeführt hat.

Ich kann das Verhalten aber nachvollziehen. Es ist wahrscheinlich behaglich, in einer Gruppe von Gleichgesinnten an die gleiche Sache „zu glauben“ und die einmal als „Wahrheit“ angenommenen „Fakten“ gegen Außenstehende und kritische Nachfrager aggressiv zu verteidigen. Das erzeugt Zusammenhalt.

Ich dachte früher, dass bestimmte Aktivitäten von diesem Verhalten verschont bleiben, weil die Sache selbst etwas Genussvolles oder Befreiendes ist. Zum Beispiel eine Sportart oder Menschen, die eine ähnliche Ernährungsart bevorzugen.

Mittlerweile ist mir klar, dass dieses Phänomen – sich als Gruppe gegen kritische Nachfrager oder sogar gegen neue Fakten zu verschließen und selbst nachgewiesene Fehler der „eigenen Lehre“ zu leugnen, obwohl valide Daten dagegen sprechen – fast überall in unterschiedlicher Ausprägung vorkommt, wo Menschen zusammenkommen.

Ein Beispiel aus dem Sport ist das Dogma, dass ein Mensch, der viel Muskelmasse aufbauen möchte, mindestens sechs Mahlzeiten am Tag zu sich nehmen sollte. Klare Forschungsergebnisse und viele Menschen, die mit zwei oder sogar nur einer großen Mahlzeit am Tag erfolgreiche Kraftsportler sind, können die Anhänger dieser alten Falschlehre nicht überzeugen. Und so rennen diese „Gläubigen“ den ganzen Tag mit ihren Tupperdosen durch die Gegend, um alle drei Stunden irgendetwas zu essen. Das Sozialleben leidet, und gemeinsame Aktivitäten mit Menschen außerhalb dieses Bereichs werden erschwert.

Das Sportbeispiel war nur die Aufwärmübung zum echten Schocker: Auch einige Menschen, die auf dem Weg in die finanzielle Unabhängigkeit sind, zeigen dieses Verhalten. Ja, auch im Bereich der fleißigen Sparer und Investierer werden Dogmen verteidigt, die bei näherer Betrachtung nicht genug Substanz haben – und ein Festhalten daran wird im aktuellen Marktumfeld nach meiner Einschätzung zu großen Schmerzen bei den Dogmenreitern führen.

Ich spreche nicht über den Sinn einer hohen Sparquote oder über das Investieren dieses Geldes in den Aktienmarkt. Das sind Grundvoraussetzungen und extrem sinnvolle, befreiende Dinge, die sich jeder Mensch aneignen sollte. Nein, ich spreche über die Planung der jährlichen Entnahmerate des investierten Geldes während der finanziellen Unabhängigkeit.

 

Woher die 4% Regel kommt

Es war nicht die Trinity Studie, die zuerst da war, sondern der US-Finanzberater William Bengen. Er veröffentlichte 1994 im Journal of Financial Planning eine Auswertung historischer US-Aktien- und Anleihenrenditen ab 1926 und kam auf eine sichere Startentnahme von rund 4,1% – seine sogenannte „SAFEMAX“. Vier Jahre später bestätigten drei Professoren der Trinity University diese Größenordnung in der Trinity Studie.

Das Ergebnis, das seitdem wie ein Mantra wiederholt wird: Du entnimmst im ersten Jahr 4% Deines Depotwerts und erhöhst diesen Eurobetrag danach jedes Jahr um die Inflationsrate. In rund 95% aller getesteten 30-Jahres-Zeiträume ging das Geld dabei nicht aus.

Für den US-Standardrentner stimmt das auch so weit. Nur: Als die ersten Menschen auf die Idee der frühen finanziellen Unabhängigkeit kamen, haben sie diese Studie schlicht für ihre eigene Planung übernommen, weil es damals nichts Besseres gab. Und dort wurde aus einer Faustregel für 65-Jährige eine Glaubenslehre für 40-Jährige.

 

Wichtig für Frühruheständler

1. Die Aktienmarktbewertung beim Start entscheidet

Durch den Finanznobelpreisträger Robert Shiller haben wir gelernt, dass das über zehn Jahre geglättete Kurs-Gewinn-Verhältnis – im Englischen das „Shiller CAPE“ – sehr viel aussagefähiger ist als das normale KGV. Wir können damit die Aktienmarktbewertung und damit die Höhe der zukünftigen Renditen deutlich besser einschätzen.

Betrachtet man in der Wahrscheinlichkeitsrechnung zur Depotentnahme nun nur jene Jahre, in denen der US-Aktienmarkt hoch bewertet war, dann steigt die Ausfallwahrscheinlichkeit bei einer 4% Entnahme deutlich über das Niveau der Trinity Studie!

Als ich diesen Artikel erstmalig im Jahr 2017 veröffentlicht habe, stand das US Shiller CAPE bei 28. Das fand ich damals schon sportlich.

Aktuell steht es bei über 41. Das ist der zweithöchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1881 – übertroffen nur von den Monaten rund um den Dotcom-Gipfel 1999/2000. Der historische Median liegt bei etwa 16.

Karsten Jeske (Big ERN) hat aus den historischen Daten eine Faustformel abgeleitet, die die sichere Entnahmerate direkt an die Bewertung koppelt. In der Grundform lautet sie:

Sichere Entnahmerate ≈ Basiswert + Faktor × (1 ÷ CAPE)

Je nach gewähltem Sicherheitsanspruch und Restwertziel liegt der Basiswert zwischen 1,0% und 1,75% und der Faktor zwischen 0,5 und 0,6. Bei einem CAPE von 41 ergibt das eine Startentnahme zwischen etwa 2,45% und 2,95%. Bei einem CAPE von 28 waren es noch 3,1% bis 3,5%.

Das ist keine Panikmache, sondern das, was 150 Jahre Marktgeschichte hergeben: Wer teuer einsteigt, bekommt in den folgenden zehn Jahren im Schnitt weniger Rendite. Und die ersten zehn Jahre entscheiden über den Rest.

2. Dreißig Jahre sind für uns zu kurz

Die meisten Interessierten an der frühen finanziellen Freiheit haben nicht vor, wie in der Studie nur dreißig Jahre von diesem Geld zu leben, sondern deutlich länger. Ein 45-jähriger Mensch, der nicht raucht und sich gut ernährt, hat heute eine gute Chance, 90 Jahre alt zu werden – vielleicht sogar ein paar Jahre mehr. Das sind 45 oder 50 Jahre, in denen das investierte Geld einen verlässlichen jährlichen Cashflow liefern soll.

Diese Faustwerte fassen zusammen, worauf die aktuelle Forschung für unterschiedliche Zeithorizonte hinausläuft:

EntnahmedauerTypisches Alter bei StartEntnahmerateBenötigtes Vermögen
30 Jahreca. 653,5 – 4,0%25 – 29 × Jahresausgaben
40 Jahreca. 50 – 553,25 – 3,5%29 – 31 × Jahresausgaben
50+ Jahreca. 40 – 453,0 – 3,25%31 – 33 × Jahresausgaben

Wichtig: Diese Werte gelten ohne spätere gesetzliche Rente und ohne zusätzliches Einkommen.

3. „Bestanden“ hieß: ein Cent übrig

Die Studie ging außerdem davon aus, dass der Rentner in den dreißig Jahren sein gesamtes Depot verbrauchen darf. „Bestanden“ war die Entnahmeperiode also auch dann, wenn sich am letzten Tag noch ein einziger Cent im Depot unseres Beispielrentners fand.

Ich weiß ja nicht, wie es Dir geht, aber ich persönlich habe nicht fast zwei Dekaden lang geplant, gespart und investiert, um später mit den letzten Talern über die Runden zu kommen. Ich möchte auch nicht dazu gezwungen werden, in zwanzig Jahren wieder einen Nebenjob annehmen zu müssen, weil es gerade eine starke Rezession gibt. Mein Ziel war die Freiheit und keine neue selbstauferlegte Unsicherheit.

 

Das Renditereihenfolgerisiko

Es gibt einen Begriff, der in dieser Diskussion oft fehlt, obwohl er wichtig ist: das Renditereihenfolgerisiko (englisch Sequence of Returns Risk).

In der Ansparphase ist Dir die Reihenfolge der Renditen ziemlich egal. Ob der Crash am Anfang oder am Ende kommt, spielt für Dein Endvermögen kaum eine Rolle – wichtig ist nur der Durchschnitt. In der Entnahmephase kehrt sich das um.

Ein Beispiel mit 1.000.000 Euro und 40.000 Euro Jahresentnahme:

  • Szenario A: Die ersten fünf Jahre laufen gut, danach kommt der Crash. Das Depot ist zum Crash-Zeitpunkt gewachsen, die Entnahme fällt kaum ins Gewicht. Du kommst locker durch.
  • Szenario B: Der Crash kommt im ersten Jahr. Das Depot fällt auf 600.000 Euro, Du entnimmst trotzdem Deine inflationsangepassten 40.000 Euro. Das sind jetzt effektiv 6,7% statt 4%. Du verkaufst Anteile im Tief, die für die spätere Erholung fehlen. Selbst wenn der Markt danach exakt denselben Durchschnitt liefert wie in Szenario A, geht Dir das Geld aus.

Gleicher Markt. Gleiche Durchschnittsrendite. Zwei völlig verschiedene Leben.

Das ist der Grund, warum die Bewertung beim Start so wichtig ist – und warum eine starre 4% Regel ausgerechnet für den Menschen gefährlich ist, der am längsten von seinem Depot leben will.

 

Was die US-Studien gern vergessen

Steuern

Auf Kapitalerträge fallen in Deutschland 25% Abgeltungssteuer plus Solidaritätszuschlag an, zusammen 26,375% (mit Kirchensteuer entsprechend mehr). Bei Aktien-ETFs mit mindestens 51% Aktienquote greift zwar die Teilfreistellung von 30%, wodurch die effektive Belastung auf rund 18,46% sinkt aber dafür sind abgeführte Quellensteuern nicht mehr anrechenbar (z.B. US-Aktien 15%). Der Sparerpauschbetrag liegt bei 1.000 Euro pro Person, 2.000 Euro bei Zusammenveranlagung.

Dazu kommt bei thesaurierenden Fonds die Vorabpauschale als jährliche Mindestbesteuerung. Der Basiszins für 2026 wurde auf 3,20% festgesetzt. Als grobe Faustregel: Fondswert zum Jahresanfang × 2,24% ergibt den maximalen Basisertrag, davon sind bei Aktien-ETFs wieder 30% steuerfrei.

Wichtig für die Planung: Deine Entnahmerate ist eine Brutto-Größe. Wenn Du 30.000 Euro zum Leben brauchst, brauchst Du 30.000 Euro nach Steuern und Abgaben.

Krankenversicherung – ein deutscher Sonderfall

Das ist für Frühruheständler oft ein teurer Posten. Wer als Privatier freiwillig gesetzlich versichert ist, zahlt Beiträge auf alle Einnahmen – ausdrücklich auch auf Zinsen, Dividenden und realisierte Kursgewinne.

Der Beitragssatz liegt inklusive Zusatzbeitrag und Pflegeversicherung grob bei 17% bis 20%, der Mindestbeitrag bei rund 250 bis 300 Euro im Monat, der Höchstbeitrag bei über 1.000 Euro. Erst als Pflichtversicherter in der Krankenversicherung der Rentner (KVdR) zahlst Du auf Kapitalerträge keine Beiträge mehr. Und dafür musst Du die Vorversicherungszeiten erfüllen.

Für die Details empfehle ich die Aufarbeitung von Der Privatier, die das Thema sehr gründlich behandelt hat.

Die gesetzliche Rente als Entwarnung

Irgendwann gibt es dann bei den meisten Bürgern eine gesetzliche Rente. Das verkürzt den Zeitraum, den Dein Depot allein tragen muss

Wer z.B. mit 45 aufhört und ab 67 eine Rente von 1.200 Euro erwartet, plant nicht 45 Jahre Vollentnahme, sondern 22 Jahre Vollentnahme plus 23 Jahre Teilentnahme. Das rechtfertigt eine höhere Startrate als die reine Lehrbuchzahl. In der Rechnung für Familie Mustermann habe ich das einmal durchgespielt.

Was die gründlichste Analyse zu dem Thema sagt

Allen Menschen, die gerne selbst nachdenken und rechnen, kann ich neben dem cFIREsim Rechner vor allem die Safe Withdrawal Rate Series von Early Retirement Now empfehlen. Sie umfasst inzwischen über 60 Teile und ist nach meiner Kenntnis die detaillierteste öffentliche Analyse zu diesem Thema. Der Autor Karsten Jeske war bei uns im Millionär Interview zu Gast.

Die Hauptergebnisse:

  • Über einen längeren Zeitraum als 30 Jahre gerechnet, mit Restwertziel von mindestens der Hälfte des Anfangswertes und bei hoher US-Aktienmarktbewertung liegt die Erfolgsquote einer 4%-Entnahme nur bei etwa 50 bis 70%.
  • Der wirksamste Hebel gegen einen Depotausfall ist eine Reduzierung der Entnahmerate.
  • Bei 3,25% jährlicher Entnahme hatte ein US-Indexdepot auch nach 60 Jahren mit rund 97% Wahrscheinlichkeit noch mindestens die Hälfte des inflationsbereinigten Anfangswertes.
  • Je höher das CAPE beim Start, desto stärker fällt die sichere Rate. Bei CAPE über 30 springt die Ausfallwahrscheinlichkeit der 4%-Regel von wenigen Prozent auf 15 bis 20%.

Für den deutschen Raum hat Georg von „Finanzen? Erklärt!“ das Thema unabhängig davon durchgerechnet und kommt zu praktisch demselben Schluss: Über 30 Jahre liegt die wirklich sichere Rate unterhalb von 3%, über 40 Jahre steigt die Fehlerwahrscheinlichkeit der 4%-Regel auf rund 7,6%. Seine Empfehlung: 3,5% als solide, 3% als sehr sichere Rate.

Der Gegeneinwand: Bengen sagt heute 4,7%

Ausgerechnet William Bengen, der Erfinder der Regel, hat seine Zahl nach oben korrigiert. In seinem 2025 erschienenen Buch A Richer Retirement hebt er die SAFEMAX von 4,15% auf 4,7% an. Der Grund ist nicht mehr Optimismus, sondern breitere Diversifikation: Statt eines simplen 50/50-Depots aus US-Standardwerten und Anleihen testet er sieben Anlageklassen, darunter Small Caps, Micro Caps und internationale Aktien.

Gleichzeitig geht die Forschung in die andere Richtung: Morningstar senkt seine Empfehlung für neue Ruheständler auf rund 3,7% bis 3,9%, Wade Pfau nennt für 30 bis 40 Jahre Werte zwischen 2,9% und 3,4%.

Wie passt das zusammen?

  • Bengen rechnet weiterhin für 30 Jahre. Wir reden hier über 45 bis 55.
  • Bengens 4,7% setzen ein breit diversifiziertes Depot mit rund 55% Aktien, 40% Anleihen und 5% Cash voraus – nicht ein reines Welt-ETF-Depot mit 100% Aktienquote.
  • Er beschreibt sie als Worst-Case-Boden, nicht als Empfehlung, und sagt selbst, dass die Rate laufend an die Bewertung angepasst gehört.

Mein Fazit daraus: Bengens Arbeit ist ein Argument dafür, breiter zu diversifizieren – über Regionen, Größenklassen und Anlageklassen. Sie ist kein Argument dafür, mit 45 und einem CAPE von 41 mit 4,7% zu starten.

 

Wege, um das Problem zu entschärfen

Eine niedrigere Entnahmerate ist der einfachste Hebel, aber nicht der einzige. Wer den Gedanken „dann muss ich ja ewig weiterarbeiten“ nicht ertragen kann, hat Alternativen:

1. Niedrigere Startrate

Der Klassiker und mein eigener Weg. Rechne mit 3,0% bis 3,5% statt 4%. Das macht langfristig einen riesigen Unterschied.

2. Cash- oder Anleihenpuffer

Zwei bis fünf Jahresausgaben in Tagesgeld, Geldmarktfonds oder kurzlaufenden Bundesanleihen. In einem Crash lebst Du aus dem Puffer, statt Aktien im Tief zu verkaufen. Das entschärft das Renditereihenfolgerisiko. In guten Jahren füllst Du den Puffer wieder auf.

3. Dynamische Entnahme statt starrer Regel

Bei der Guardrails-Methode (nach Guyton-Klinger) definierst Du Leitplanken um Deine Startrate. Steigt die effektive Entnahmerate nach Kursverlusten über die obere Leitplanke, kürzt Du die Entnahme um 10%. Fällt sie unter die untere, erhöhst Du. Das erlaubt eine höhere Startrate, verlangt aber echte Flexibilität bei den Ausgaben. cFIREsim kann Guyton-Klinger, VPW und CAPE-basierte Entnahme direkt simulieren.

4. Optionales Nebeneinkommen

Schon 500 Euro im Monat aus einer Tätigkeit, die Dir Spaß macht, senken die nötige Depotentnahme drastisch. Wer das von Anfang an einplant, kann früher aufhören – das ist die Idee hinter Barista FIRE. Wichtig ist die Reihenfolge: erst freiwillig, dann optional. Nicht erst gezwungen.

5. Flexible Ausgaben

Wer seinen Lebensstandard in einem schlechten Jahr z.B. um 15% senken kann, ohne dass es weh tut, hat sich die halbe Diskussion gespart. Wer bei 100% seines Budgets im Existenzminimum lebt, hat diesen Hebel nicht.

 

„Aber dann muss ich doch Jahre länger arbeiten!“

Jetzt werden bestimmt einige aufschreien, dass man ja viel länger arbeiten muss, um von 4% auf 3% zu kommen. Als reines Rechenbeispiel: Bei einer geplanten Entnahme von 30.000 Euro im Jahr brauchst Du nun 1,0 Millionen Euro statt vorher „nur“ 0,75 Millionen.

EntnahmerateFaktorNötiges Vermögen für 30.000 € p.a.
4,0%25 ×750.000 €
3,5%28,6 ×857.000 €
3,3%30,3 ×909.000 €
3,0%33,3 ×1.000.000 €

Der Unterschied hört sich unvorstellbar groß an für jemanden, der noch kein sechsstelliges Vermögen angespart hat. Was dabei leicht übersehen wird: Bei diesen Beträgen wirft der Zinseszinseffekt des schon investierten Geldes jährlich viele zehntausend Euro zusätzlich auf den vorhandenen Haufen – ganz ohne Sparrate.

Bei einer angenommenen Realrendite von 5,5% nach Inflation und nach deutscher Besteuerung aus einem gestreuten Aktien-ETF-Depot kommen auf die investierten 0,75 Millionen Euro allein rechnerisch 41.250 Euro pro Jahr hinzu. Zusätzlich ist das Einkommen an diesem Punkt der Karriere meist deutlich höher als am Anfang.

Wer monatlich 2.000 Euro spart und investiert, hat nach gut 18 Jahren rund 0,75 Millionen Euro zusammen. Herzlichen Glückwunsch. Wer dann noch etwa dreieinhalb Jahre weiterspart und das Vermögen weiter arbeiten lässt, steht bei einer ganzen Million – und damit bei einer 3%-Rate. Selbst mit vorsichtigeren 5% Realrendite gerechnet sind es keine vier Jahre.

Die Verzinsung des Depots ist also schon vor diesem Zeitpunkt wichtiger geworden als das Sparen selbst. Das investierte Geld hat sich zu einem riesigen Schneeball entwickelt, der immer mehr Wohlstand und damit Freiheit bringt. Wie sich das für Deine eigenen Zahlen darstellt, kannst Du mit dem Aktienmarkt Performance Rechner für jeden beliebigen historischen Zeitraum nachprüfen – inklusive der damaligen CAPE-Bewertung.

 

Warum ich persönlich bei einer 3% Entnahme bleibe

Vielleicht bin ich in Gelddingen einfach konservativ. Aber mir wären diese gut drei Jahre allemal wert, um danach jahrzehntelang entspannt frei zu sein, statt mir bei der aktuellen Marktbewertung Dekaden lang Sorgen zu machen, ob das Geld im Alter reicht.

Da ich noch einen Zeitraum gemeinsam mit meinen Kindern plane, habe ich auf solche Unsicherheiten keine Lust. Deshalb gilt für mich die 3% Entnahmeregel. Mit einer Mischung aus Aktienmarkt-ETFs und einigen starken Einzelaktien kommen die drei Prozent weitgehend durch Dividenden zustande. Das gibt zusätzlich ein gutes Gefühl, nicht verkaufen zu müssen, wenn die Kurse gerade unten sind.

Und ja, Dividenden werden historisch auch in Rezessionen deutlich weniger gekürzt, als viele annehmen. Selbst im Crashzeitraum 2008/09 lag die Dividendenkürzung des S&P 500 bei etwa 20% und stieg ab 2010 schon wieder an – während die Kurse zwischenzeitlich mehr als halbiert waren. Im Corona-Crash 2020 fielen die Ausschüttungen sogar nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

Natürlich ist eine Dividende kein Geschenk, sondern eine Umbuchung – der Kurs sinkt am Ausschüttungstag um denselben Betrag. Wer nur auf hohe Dividendenrenditen schielt, verzerrt sein Depot in Richtung bestimmter Branchen und Regionen und zahlt in Deutschland zudem jedes Jahr Steuern auf Erträge.

Mein Punkt ist deshalb nicht „Dividenden sind mathematisch überlegen“, sondern: Sie sind für mich der psychologisch stabilste Weg, eine 3%-Entnahme durchzuhalten, ohne im Bärenmarkt nervös zu werden. Und Durchhalten schlägt Optimierung.

Eine Anmerkung in eigener Sache: Als ich diesen Artikel im Jahr 2017 schrieb, stand das CAPE bei 28 und ich habe die 3% als „kann nicht scheitern“ bezeichnet. Bei über 41 wäre es dogmatisch, das einfach stehenzulassen. Ehrlicher ist: 3% ist heute eine sehr sichere Rate, keine mathematisch garantierte. Genau deshalb kombiniere ich sie mit Puffer und Flexibilität – und genau deshalb bleibt sie eine Rechnung und wird keine Religion.

 

Für wen 4% in Ordnung ist

Damit hier kein neues Dogma in die andere Richtung entsteht: Es gibt Menschen, für die 4% eine vernünftige Zahl sind.

  • Wer mit 65 oder später startet und einen Zeitraum von max 25 Jahren plant.
  • Wer in wenigen Jahren eine gesetzliche Rente oder Pension bekommt, die einen guten Teil der Grundkosten deckt und seine Entnahmerate damit senkt.
  • Wer seine Ausgaben flexibel anpassen kann und bereit ist, in schlechten Jahren zu kürzen..

Für Menschen unterhalb der 50 würde ich das Risiko im aktuellen Marktumfeld dagegen absolut nicht eingehen.

 

Häufige Fragen

Ist die 4% Regel falsch?

Nein. Sie ist für ihren ursprünglichen Zweck ok: Maximal 30 Jahre, US-Markt, gemischtes Depot, vollständiger Kapitalverzehr erlaubt. Falsch wird sie, wenn man sie ohne Anpassung auf 50 Jahre, hohe Bewertungen und deutsche Steuern überträgt.

Welche Entnahmerate ist für einen deutschen Frühruheständler realistisch?

Für 40 bis 50 Jahre Entnahmedauer bei aktueller Bewertung: 3,0% bis 3,5% brutto. Mit späterer gesetzlicher Rente, Cash-Puffer oder flexiblen Ausgaben darfst Du eher an den oberen Rand. Ohne all das eher an den unteren.

Wie viel Vermögen brauche ich?

Deine Jahresausgaben inklusive Steuern und Krankenversicherung, geteilt durch Deine Entnahmerate. Bei 3% ist das das 33-Fache, bei 3,5% das 28,6-Fache, bei 4% das 25-Fache.

Zählen Steuern und Krankenkasse zur Entnahme dazu?

Ja, unbedingt. Die Entnahmerate ist eine Brutto-Größe. Wenn Du 30.000 Euro netto zum Leben brauchst und mit rund 5.000 Euro Steuern und Kassenbeiträgen rechnest, musst Du 35.000 Euro entnehmen – und Dein Zielvermögen entsprechend höher ansetzen.

Was passiert, wenn der Crash gleich am Anfang kommt?

Das ist das Renditereihenfolgerisiko. Die Gegenmittel: nicht im Tief verkaufen (Cash-Puffer), die Entnahme vorübergehend kürzen (Guardrails) oder für eine Weile ein kleines Zusatzeinkommen erzielen. Die ersten fünf bis zehn Jahre entscheiden über den Rest.

Muss ich die Entnahmerate ein Leben lang beibehalten?

Nein. Die Regel legt nur den Startwert fest. Wer die ersten zehn Jahre gut übersteht und ein deutlich gewachsenes Depot hat, kann die Entnahme erhöhen. Das Problem ist nie das gute Jahrzehnt, sondern das schlechte am Anfang.

Fazit

Falls Du Deine finanzielle Freiheit schon im vierten oder fünften Lebensjahrzehnt planst, solltest Du zusätzliche Sicherheiten einbauen. Entweder wie ich durch eine Absenkung der jährlichen Depotentnahme auf 3%, oder durch einen Puffer, dynamische Entnahmeregeln, ein optionales Nebeneinkommen – am besten durch eine Kombination.

Das wird Dich nachts besser schlafen lassen und genau das erreichen, weshalb die meisten von uns den ganzen Aufwand überhaupt betreiben: um frei zu werden, aber auch um dann lebenslang frei zu bleiben.

Und falls Dir jemand erklärt, die 4% seien in Stein gemeißelt, weil „das in der Studie doch so steht“ – dann denk an die Tupperdosen.

Auf die Freiheit!

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Auf der Freiheitsmaschine:

Externe Quellen:

Dieser Artikel ist keine Anlageberatung, sondern die Beschreibung meiner eigenen Überlegungen. Zahlen zu Steuern, Beiträgen und Marktbewertungen sind Stand September 2026 und ändern sich.

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