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Vergleich nach oben vs. Vergleich nach unten

McG
 McG
(@mcg)
Aktiver Freiheitskämpfer

Ich wollte hier mal ein paar Gedanken zur Diskussion stellen, die mir in den letzten Tagen bezüglich Neid bzw. Motivation / Demotivation gekommen sind. Den genauen Auslöser kann ich garnicht mehr genau beziffern aber ich finde, dass es hier ganz gut in das Forum passt.

Grundsätzlich geht es darum, wie Mensch sich mit anderen vergleicht. Neid hat ja in gewisser Weise etwas mit einem Vergleich zu tun, jemand anderes hat etwas (mehr, besser), das ich nicht habe. Ich nenne das mal einen Vergleich nach oben, also man vergleicht sich mit jemandem der über einem steht. Ich habe das Gefühl, dass dieser Vergleich nach oben stark verbreitet ist. Das Gegenteil dazu wäre quasi der Vergleich nach unten, also ich vergleiche mich mit jemandem, der unter mir steht.

Der Vergleich nach oben:

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass der Vergleich nach oben gut und sinnvoll ist, da er eine Motivation fördern kann. Dies funktioniert aber meist nur, wenn die Distanz dabei relativ gering ist. Kleines Beispiel aus der Schule: ich war nie wirklich gut im Sprint, hatte dabei jedoch immer die besten Ergebnisse, wenn ich mit anderen gelaufen bin die ein wenig besser waren als ich. Waren die anderen zu viel besser, war das eher demotivierend.

Häufig führt jedoch der Vergleich nach oben eher zu Missgunst oder einem Minderwertigkeitsgefühl bzw. zum typischen jammern, dass das Leben ja für alle Anderen viel besser wäre.

Der Vergleich nach unten:

Der Vergleich nach unten hat meiner Ansicht nach einen Vorteil gegenüber dem Vergleich nach oben: man wird sich der eigenen Situation positiv bewusst. @maschinist nutzt diesen Vergleich nach unten sehr gut in den Blogartikeln in Form der Aussage "Wir leben zur besten Zeit in einem der besten Länder" oder ähnlichem. Auch das Beispiel aus dem Sport kann mit einem Vergleich nach unten ausgeführt werden, indem man mit anderen läuft die etwas schlechter sind. Auch das kann motivierend sein, nicht doch noch eingeholt zu werden.

Allerdings habe ich das Gefühl, dass ein solcher Vergleich nach unten gesellschaftlich nicht so sehr akzeptiert ist, weil es schnell als Überheblichkeit interpretiert wird.

Insgesamt finde ich, dass hier auf der Seite beide Richtungen sehr gut gelebt werden, also weder Neid / Missgunst nach oben, noch Überheblichkeit nach unten ausgeführt oder interpretiert werden. Aber natürlich befinden wir uns hier auch in einer gesellschaftlichen Blase. Wie ist eure Meinung zu dem Thema? Habt ihr solche Beobachtungen auch schon gemacht? Ist das ein typisch deutsches Phänomen? Ich freue mich auf eure Kommentare.

Zitat
Themenstarter Veröffentlicht : 2. April 2021 18:42
BonVivant, viper2333, Praezisionsminister und 5 User mögen das
Thesaurierer
(@thesaurierer)
Aktiver Freiheitskämpfer

Der Vergleich nach oben sollte uns motivieren und befeuern, aufzeigen was möglich ist.

Der Vergleich nach unten sollte uns Demut lehren, uns erden und aufzeigen wie gut es uns geht.

Beides ist wichtig, eine gute Differenzierung @McG

AntwortZitat
Veröffentlicht : 2. April 2021 19:10
BonVivant, viper2333, Praezisionsminister und 2 User mögen das
Natman
(@natman)
Freiheitskämpfer Gold Moderator

Der direkte Vergleich kann zu Höchstleistungen anspornen, aber auch unglücklich machen. Beispiel ist z.b. Gehaltsvergleich. Moderne Firmen haben Gehaltsbänder und man hat Transparenz, warum man wo ist. Das finde ich gut. Ich finde Vergleiche manchmal nichtssagend, weil man viele Begleitumstände gar nicht kennt u sich nicht immer hineinversetzen kann. Jetzt bin ich vielleicht erfolgreicher u bin angespornt, das bringt aber wenig, wenn man damit nicht glücklich wird. 

Der Vergleich nach unten ist auch wichtig, allerdings finde ich ihn nicht immer leicht. 

Was ich noch ergänzen möchte: nicht allein der Vergleich an sich ist sinnvoll, sondern sich das richtige Mindset anzueignen, eine ehrliche Fehlerkultur zu leben und sich weiterzuentwickeln, auch wenn es weh tut oder erstmal schlecht für das Ego ist. 

Viele Menschen sehen nur das Angenehme bei erfolgreichen Menschen, aber nicht die Fehlschläge, Mühen u die Disziplin dahinter.

Wir haben Bekannte aus Iran, die waren dort gehobener Mittelstand, beide Architekten u ähnlich wie meine Frau u ich. Nur sie stehen im Vergleich deutlich schlechter da, obwohl sie immerhin jetzt in einem Land leben, das derzeit etwas "seriöser" ist (Verwandte von ihnen hatten Ärger mit der Obrigkeit, ich hatte aber nicht nachgebohrt). Ich bewundere sie und die kriegen den Alltag recht gut hin u denke Mal sonst hat Deutschland und Iran nicht viel gemeinsam...

AntwortZitat
Veröffentlicht : 2. April 2021 20:07
viper2333 und Maschinist mögen das
Siduva
(@siduva)
Verdienter Freiheitskämpfer

Interessantes und bei genauer Betrachtung vielschichtiges Thema. Ich glaube schon, dass der Vergleich nach unten zu Überheblichkeit und Vergleich nach oben zu Neid führt - wenn man nicht darüber reflektiert. Ob das was typisch deutsches ist weiß ich nicht. Nach meiner Erfahrung ist es aber abhängig davon, wie sehr man "bei sich" und zufrieden mit sich ist und ob man weiß, was man will. Und die eigenen Erfahrungen spielen da stark mit rein.

Oft sind ja Besitztümer Gegenstand von Vergleichen. Als Kind und Jugendlicher wollte ich immer einen Porsche fahren. Heute weiß ich, dass die Exklusivität die ich damit verbinde spätestens 6 Monate nach der Anschaffung verflogen wäre.

Das gleiche mit dem Pool in Nachbars Garten oder dem riesigen herrschaftlichen Anwesen - alles was man besitzt wird Standard und ist nix besonderes mehr. Daher sehe ich das seit Jahren mit anderen Augen und stelle mir vor, was für Arbeit und Kosten damit verbunden wären. Das muss man mögen und wollen - ich persönlich will das nicht.

Noch extremer können abstrakte Vergleiche von Verhältnissen sein. Wenn bei anderen immer alles super duper ist und niemals Probleme existieren weiß ich, dass das nur auf oberflächliche Kommunikation und/oder fehlende Reflexion zurückzuführen ist. "Unter jedem Dach ein Ach" ist ein Naturgesetz. Daher lasse ich mich davon nicht blenden bzw. würde ich nie auf die Idee kommen, mich davon verunsichern zu lassen und an meinem Leben zu zweifeln.

AntwortZitat
Veröffentlicht : 2. April 2021 20:55
Vossi78, viper2333, Praezisionsminister und 3 User mögen das
Maschinist
(@maschinist)
Maschinist Admin

Das ist auch für mich ein super interessantes Thema und wie Siduva schreibt ein sehr vielschichtiges.

 

Im Endeffekt vergleichen wir Menschen uns alle pausenlos.

Ein Teil von uns schaftt es dabei über die Jahre ein gutes Verhältnis "zu sich selbst" aufzubauen und hat gelernt, das eigene Selbstbild inkl. aller Stärken und Schwächen zu mögen.

Dadurch können sich diese Menschen ausreichend gut einordnen, so dass Sie die trotzdem unbewußt weiter ablaufenden Vergleiche eher gelassen hinnehmen.

 

Ein schönes Gedankenspiel dazu:

Morgen früh werdet Ihr wach und seid selbst unverändert.

Aber alle eure Mitmenschen um euch herum sind plötzlich viel größer, wohlhabender, attraktiver und intelligenter als Ihr geworden.

Jeder kann plötzlich alle Sprachen sprechen, besitzt 10 Millionen Euro, läuft 100 Meter in 5 Sekunden und sieht umwerfend aus.

Obwohl Ihr selbst genau der gleiche Mensch seid wie am Tag zuvor, wäre euer altes Leben vorbei, weil sich euer Selbstwert durch das Vergleichen mit den anderen massiv verschlechtern würde.

Und wenn der Unterschied gleichzeitig auf allen Ebenen absolut uneinholbar wäre, wäre es schwierig wieder glücklich zu werden, weil nirgendwo ein Ausgleich vorhanden wäre mit dem man sich selbst aufbauen könnte (z.B.:  Ich kann zwar nicht tanzen und habe eine Glatze aber dafür bin ich charmant oder irgend etwas anderes).

 

Naval Ravikant, der nach eigenen Angaben in jungen Jahren sehr unter seinen Vergleichen & seinem dabei hochkochendem Neid mit auf den ersten Blick erfolgreicheren Mitmenschen gelitten hat, hat ein schönes Gedankenspiel entwickelt um damit umzugehen und den Vergleich in eine positive und konstruktive Bahn zu lenken.

Immer wenn er eine Eigenschaft bei einem Mitmenschen bewunderte und dann auch Neid in Ihm hochkam, stellte er sich vor, er müsste komplett mit diesem Menschen tauschen.

Also nicht nur diese eine Eigenschaft sondern mit dem ganzen Mensch und all seinen Eigenschaften und seinem Leben.

 

Ein schönes "Tauschbeispiel" dafür ist z.B. Elon Musk: Ein cooler und weltbekannter Erfinder, sehr intelligent, extrem viel Durchhaltevermögen, mutig und je nach aktuellem Börsenkurs der reichste Mensch der Welt.

Auf den ersten Blick wollen wahrscheinlich sehr viele Menschen so sein wie Elon Musk.

Aber wie sieht es aus, wenn Du kein "Cherry Picking" betreiben könntest, sondern wirklich das ganze Leben von Elon Musk mit allen Eigenschaften und den dunklen Seiten leben müsstest?

Die Scheidungen, Trennungen, das nie Ruhen können. Die 18 Stunden Tage. Anscheinend keine Zeit oder nicht aufraffen können für Sport. Die Haartransplantation. Die Monate in denen es aussah als wäre Tesla bankrott und das ganze aufgebaute Vermögen dahin?

Das berühmt sein, was auch bedeutet, dass Du keinen Schritt außer Haus gehen kannst ohne das andere Menschen auf Dich zeigen. Die reelle Gefahr, dass Du selbst oder Deine Familie durch Reichtum plus Berühmtheit zu einem Target von Kriminellen oder Verrückten wird.

 

Dann sieht es schon wieder anders aus, oder?

Und nicht nur "anders" sondern auch wieder deutlich besser für einen selbst.

 

Denn es gibt zwar Mitmenschen die sind bei einer bestimmten Sache viel besser als wir aber das ist nur eine Eigenschaft unter vielen und jeder von uns hat eine einmalige Kombination von Talenten und Stärken und kann deshalb auch bestimmte Dinge so gut auf seine Art machen wie niemand anders.

 

Selbstvergleiche in beide Richtungen sind deshalb nach meiner Meinung prima (die eine Richtung zum Lernen und die andere auch einmal um sich gut zu fühlen).

Aber dann im zweiten Schritt auch immer das gesamte Bild betrachten um zu erkennen, dass wir alle einmalig sind, jeder an seinen eigenen "Fronten" kämpft und jeder auf seine spezielle Art glänzen kann (wenn er sich das selbst erlaubt).

AntwortZitat
Veröffentlicht : 3. April 2021 01:24
Vossi78, viper2333, John Smith und 5 User mögen das
Alibi-Student
(@alibi-student)
Neuer Freiheitskämpfer

Finde ich auch ein sehr spannendes Thema! 
Wie Maschinist schon sagte, vergleichen wir alle im Prinzip ununterbrochen (bewusst und unbewusst) uns mit unserem Gegenüber und werten diese Eindrücke auch. 

Ich selbst entziehe mich den „bewussten“ Vergleichen weitgehend und versuche mich auf mich selbst zu konzentrieren. In der Konsequenz habe ich beispielsweise kein instagram und Co., da ich das für mich als nicht konstruktiv sehe. Das ist im Grunde eine künstliche bubble, die dich im Zweifel nur unglücklich macht und deine Zeit verschwendet. 

Punktuell setze ich mich aber schon Vergleichen nach oben aus, da mich das motiviert und Spaß macht. 

AntwortZitat
Veröffentlicht : 3. April 2021 19:10
Maschinist mag das
John Smith
(@john-smith)
Verdienter Freiheitskämpfer

Im Gegensatz zu früher "Ruhe ich mehr in mir selbst" - bin mir meiner Stärken und Schwächen bewusst und versuche die Dinge und Kleinigkeiten, die mir gefallen mehr wertzuschätzen, statt darüber zu jammern, was ich nicht habe.

Ich finde Vergleiche spannend, denn "was wäre möglich, wenn ich mehr Einsatz zeigen würde" oder "wie viel besser bin ich schon in Gebiet X als Andere, obwohl ich da kaum meinen Fokus darauf lege" hebt natürlich das Selbstwertgefühl.

Um nicht dem Neid und Überheblichkeit anheim zu fallen, muss man vermutlich auch ein gewisses Maß Intelligenz zur Reflektion mitbringen (oder sehr wenig von beidem haben, dann vergleicht man auch nicht).

AntwortZitat
Veröffentlicht : 3. April 2021 20:12
Praezisionsminister
(@praezisionsminister)
Verdienter Freiheitskämpfer
Veröffentlicht von: @thesaurierer

Der Vergleich nach oben sollte uns motivieren und befeuern, aufzeigen was möglich ist.

Der Vergleich nach unten sollte uns Demut lehren, uns erden und aufzeigen wie gut es uns geht.

Beides ist wichtig, eine gute Differenzierung @McG

Erstmal wichtiges und tiefgründiges Thema, danke für den Thread @McG.

@Thesaurierer hat meine Perspektive bereits sehr gut auf den Punkt gebracht.
Was ich noch gerne ergänzen bzw. umformulieren wäre die Perspektive des Lerneneden und des Lehrenden. Beim Vergleich nach oben möchte ich Lernender sein. Der Vergleich 'nach unten' löst bei mir nicht nur Demut und Dankbarkeit aus, sondern auch die Motivation, zu helfen und zu inspirieren. Natürlich nur, wenn der Mensch gegenüber auch an einer Entwicklung und am eigenen Lernen interessiert ist.

Das ist ja übrigens auch das, was der Maschinist hier für uns alle erschaffen hat. 😊 

AntwortZitat
Veröffentlicht : 7. April 2021 11:09
Thesaurierer, Judge Dredd, Natman und 1 User mögen das