... und es fühlt sich so an, als ob die letzte Dekade im Zeitraffer an mir vorbeigerauscht ist. Kurz vor dem Zieleinlauf fängt man dann rechts und links zu schauen und wundert sich, ob das überhaupt noch der richtige Wettbewerb für einen ist, ist total fertig und ist über sich selbst erstaunt, dass man über 14 Jahre diese Disziplin aufgebracht hat. Aber es erstaunt mich auch, dass es funktioniert. Also klar, technische-mathematisch funktioniert es, keine Frage. Aber psychologisch bin ich mir nicht sicher, ob ich selbst die ganze Zeit daran geglaubt habe. Am Anfang ist das Ziel seeeehr weit entfernt, aber im letzten Drittel beschleunigt der Compoundierungseffekt extrem. Oft wird gesagt, dass Menschen keine Vorstellung vom expotentiellen Wachstum haben und das trifft auch auf mich zu.
Es muss 2013 oder noch früher sein, dass ich mit der ganzen FIRE Bewegung in Kontakt gekommen bin. Damals noch MrMoneyMustache, MadFientist, MrTakoEscapes , Tim Schäfer, Earlyretirementnow usw., also hauptsächlich US zentrierte Seiten. Ich war naiv genug nicht darüber nachzudenken, dass es in Deutschland etwas schwieriger ist als in den USA aufgrund niedrigerer Gehälter, hoher Steuer plus Sozialabgaben.
Aber damals waren wir genügsame DINKs, die fleißig ihr Geld in Tagesgeld gepackt haben.
In der Dekade “der Rushhour des Lebens” ist vieles passiert:
- Wir sind mittlerweile zu dritt mit einem Schulkind.
- Es sind geliebte Personen im Umfeld gestorben und man merkt, dass man auch nicht mehr jung ist.
- Wir haben ein Haus gekauft und renoviert trotz besseren Wissens. Ja, ich habe Kommers Buch gelesen und etliche Ausführungen warum Mieten sich mehr lohnt. Ja, es wahr wohl finanziell der größte Fehler bisher. Aber hey, ich glaube mittlerweile, dass das 8 Weltwunder “Compound Interest” so einige Fehler verzeiht, so lange man irgendwie investiert ist. Wieviel Geld in dieses Haus versenkt wurde und wieviel potentiell das gleiche Geld im Markt gebracht hätte (Opportunitätskosten) will ich gar nicht wissen. Ich denke es wäre billiger gewesen was für 2-3 TEUR zu mieten.
- Ich habe eine (großzügige) Abfindung genommen als die Firma Leute loswerden wollte und gefragt hatte. Ich war so tiefenentspannt als drum herum die Kollegen Angst hatten ihren Job zu verlieren, dass ich mich schon fast etwas schuldig fühlte. Es gab sicherlich auch Fälle wo persönliche Existenzen betroffen waren und so. Aber für genau diese Situation habe ich ja investiert.
- Trotzdem habe ich mir wieder einen neuen Job gesucht. Irgendwie dachte ich, dass die Wirtschaftslage so schlecht ist, dass ich aktuell eh nichts finde, aber vielleicht strahlt das entspannte Dasein auf auf neue Arbeitgeber aus. Ich bin (meist) positiv gestimmt, klage nicht über mein Gehalt und muss mich nicht mehr beweisen. Ich lasse anderen den Vorrang und das Sonnenlicht. Hoffentlich strahle ich auf mein Umfeld eine beruhigende Wirkung aus, hahaha.
- Apropos Gehalt…. Es ist ganz normal, dass das Portfolio jeden Tag um das Monatsgehalt schwankt und in Bärenmärkten ist auch mal mehr als ein Jahresgehalt weg. Umgekehrt kann es aber auch mal paar Jahresgehälter raufgehen. Das setzt die Lohnarbeit nochmal in Kontext mit dem Einkommen aus Kapital.
Wie ist die Entnahmephase geplant?
- Irgendwann 2026 oder 2027 werden die Kündigungen eingereicht. Wahrscheinlich wird erst eine Person kündigen und dann der oder die andere.
- Wir planen mit einer 2,x % Entnahme (inkl. Steuern, KV, PV, Gebühren auf Fonds, Vorabsteuer), da es locker mehr als 50 Jahre werden können, wenn ich mir die Verwandtschaft anschaue. Diese Entnahmerate werde ich CAPE basiert mit dem SWR Excel Sheet https://docs.google.com/spreadsheets/d/1QGrMm6XSGWBVLI8I_DOAeJV5whoCnSdmaR8toQB2Jz8/copy? öfters überprüfen. TwoSidesofFI beschreibt die CAPE based withdrawal strategy ganz gut https://twosidesoffi.com/
- Ich habe die letzte Zeit viel mit Gemini verschiedene Szenarien mit Steuern, Entnahme etc. durchrechnen lassen. Das ist echt eine Hilfe um eine Vorstellung zu bekommen, wieviel Abgaben auf die Bruttoentnahme anfallen.
- Das Haus wollen wir noch selbst fertig renovieren und irgendwann verkaufen. Mal schauen ob das was wird, denn unser Sohn ist ja durch und durch hier verwurzelt. Ansonsten müssen wir uns wohl bis zum 18 Lebensjahr uns hier weiter gemütlich machen. Spätenstens dann brauchen wir das Haus wirklich nicht mehr, da ich die Winter lieber in warmen Gefilden verbringe.
- Aktuell wird nur noch DBX0AN gekauft, da die Aktienquote fast bei 100 % liegt. Auch mit weiteren Einzahlungen von Gehalt wird eine 80/20 Quote nicht erreicht. Hier muss ich mir mal Gedanken machen welche Assets ich verkaufe.
Was planen wir mit unserem Leben? "The important thing is not what you retire from, it's what you retire to.”. Das ist ehrlich gesagt noch eine Sache, über die ich mir die nächste Zeit Gedanken machen werde.
- Seid ihr schon in der Entnahmephase?
- Wie plant ihr diese technisch?
- Aber noch wichtiger, wie bereitet ihr euch psychisch auf diesen Abschnitt vor?
Vielen Dank für Deinen Beitrag Mina!
Ich bin gerade selbst in der heißen Phase und werde in einigen Monaten mehr dazu berichten.
Das Thema "Finally pulling the trigger" hat besonders mit eigenen Kindern und durch dekadenlange Konditionierung nach meiner eigenen Erfahrung eine starke psychologische Komponente.
Schönen Tag!
Ich bin sehr gespannt auf das was du zu berichten hast! Bitte berichte von den technischen Details, aber auch von dem was in deinem Kopf vor sich geht. Zu meiner Scham muss ich gestehen, dass meine größte Angst ist, mich zu langweilen und unglücklich zu sein, dass es nicht besser als arbeiten ist. Das wäre ja ein Eingeständnis, dass das jahrelange sparen um sonst gewesen ist. Klingt irgendwie ziemlich strange, aber das ist wirklich meine große Angst...
@mina meines Erachtens kommt nur Langweile auf wenn man keine "Berufung" hat in Form von Vereinsarbeit, Sportbegeisterung, etwas Weitergeben oder auch sonst eher ein ruhiger Typ Mensch ist. Als Beispiel, wenn man Alpenüberquerung mit dem Rad plant oder weit reist, wird einem weniger langweilig. Selbst die Beschäftigung mit Finanzen und Optimierung derselben und auch Hausarbeit ist ja ebenso Arbeit.
Ich bin in einer aehnlichen Situation, habe letzte Woche meinen Job zum 30.9. gekuendigt.
Ich habe fuer mich definiert, dass ich dann ein Jahr lang das machen und so leben werde, wie ich es mir fuer die FIRE Zeit vorgenommen und geplant habe. Sozusagen FIRE auf Probe. Nach dem Jahr werde ich dann nochmal in mich gehen und entscheiden, ob das fuer mich so passt und ich dann permanent ohne Arbeit weitermachen werde oder mir ggf. nochmal einen Job suche, falls das Jahr nicht so laeuft, wie ich mir das vorstelle, mir langweilig waere, oder aehnliches (dann aber einen Job mit einer Wunschtaetigkeit, dafuer aber auch wohl deutlich niedrigerem Gehalt).
In den Monaten vor der Kuendigung hatte ich staendig Zeifel, habe hin und her ueberlegt, ob ich jetzt keuendige oder doch noch warte usw. Seit dem die Kuendigung abgegeben ist, sind diese Zweifel weg und ich bin tiefenentspannt und freu mich einfach auf die Zeit ab Oktober.
Da ich bisher in der Firma nicht gesagt habe, was ich anschliessend machen werde, gehen alle davon aus dass ich zu einer anderen Firma wechseln werde. Ich muss regelmaessig innerlich grinsen, wen mich Kollegen ansprechen von wegen "im neuen Job nochmal richtig durchstarten" etc. Wenn die wuessten.
@mina es muss ja nicht unumkehrbar sein. Wenn du so stark zweifelst, hast du über Sabatical nachgedacht? (Am Ende kann man ja kündigen, aber man verpflichtet sich zu nichts.)
Ich denke das Problem ist nicht einen Job nach 1-2 Jahren Auszeit zu finden oder Sabatical zu nehmen, sondern dass das Streben nach FI und RE umsonst war, weil es doch nicht so erfüllend ist, wie man sich das über ein Jahrzehnt ausgemalt hat. Die Lösung für das Dilemma wäre ja auch nicht wieder in einen Job zurückzukehren, auf den man auch keine Lust hat.
@mina hm ich habe echt lange über diese Zeilen von dir nachgedacht. Ist es wirklich so, dass du diese Befürchtung hast, dass RE nicht erfüllend ist. Was hast du zu verlieren? Andererseits was habt ihr groß ausgegeben auf eurem FIRE Weg. Mein Gefühl bei deinen Posts ist gewesen, dass ihr eigentlich durch hohe Gehälter gar nicht so viel verzichtet habt auf das Leben.
Ich persönlich bin mir nicht sicher, ob FIRE richtig gut funktioniert und ich denke deine Gedanken sind normal, weil der bisherige Status Quo aufgegeben wird (erstmal) und es unbekannt ist, wie es einem damit geht. Und sozial gesehen, ist nicht so häufig, in FIRE zu sein.
Mit 57 gehen die meisten bei uns mit Abfindung in Rente. Insofern ist das bei uns in der Industrie ein normales Rentenalter und niemand findet es komisch.
Ich wüsste nicht, wie man in D nach aktueller Rechtslage unter 63 Jahren in Rente gehen könnte, ausser es handelt sich um Erwerbsminderungsrente oder Leute mit Schwerbehindertenausweis.
Du meinst wahrscheinlich, den Leuten wird die Zeit bis zur Rente mit Zahlungen von AG bzw. ALG1 überbrückt. Dann schreibe es doch auch so. 57 jahre ist kein normales Rentenalter.
@mina also wenn RE für euch wirklich nichts sein sollte, dann ist die notwendige Konsequenz daraus ja nicht,
wieder in einen Job zurückzukehren, auf den man auch keine Lust hat.
Sondern dann könnt ihr völlig frei von materieller Zwängen den Job in dem Umfang machen, der euch glücklich macht.
Das ist doch auch ein akzeptables Ergebnis eurer Bemühungen, oder?
Mit 57 gehen die meisten bei uns mit Abfindung in Rente. Insofern ist das bei uns in der Industrie ein normales Rentenalter und niemand findet es komisch.
Ich wüsste nicht, wie man in D nach aktueller Rechtslage unter 63 Jahren in Rente gehen könnte, ausser es handelt sich um Erwerbsminderungsrente oder Leute mit Schwerbehindertenausweis.
Du meinst wahrscheinlich, den Leuten wird die Zeit bis zur Rente mit Zahlungen von AG bzw. ALG1 überbrückt. Dann schreibe es doch auch so. 57 jahre ist kein normales Rentenalter.
Das ist korrekt! Es gibt keinen regulären Rentenzugang vor 63..
Es gibt die Möglichkeit mit 57 in ATZ zu gehen, wenn es der AG anbietet. Dann ist man aber auch noch 3 Jahre aktiv und ab 60 in der Passivphase. Rentenzugang frühestens 63!
Einige AG bieten derzeit Modelle an, in denen man mit 57 per Abfindung ausscheidet. Auch hier ist der Zugang mit 63! Allerdings muss man dann die fehlenden Rentenpunkte bis zum Zugang selbst ausgleichen. Deswegen die Höhe der Abfindung. Oder man verzichtet darauf und belässt es bei den erworbenen Punkten.
Dazu kommt der Wegfall des AG-Anteil zur KK und PV, den man auch selbst tragen muss. Dies frisst in Summe bis zum Rentenzugang, einiges der erhaltenen Abfindung weg..
Mit 57 gehen die meisten bei uns mit Abfindung in Rente. Insofern ist das bei uns in der Industrie ein normales Rentenalter und niemand findet es komisch.
Ich wüsste nicht, wie man in D nach aktueller Rechtslage unter 63 Jahren in Rente gehen könnte, ausser es handelt sich um Erwerbsminderungsrente oder Leute mit Schwerbehindertenausweis.
Du meinst wahrscheinlich, den Leuten wird die Zeit bis zur Rente mit Zahlungen von AG bzw. ALG1 überbrückt. Dann schreibe es doch auch so. 57 jahre ist kein normales Rentenalter.
Das ist korrekt! Es gibt keinen regulären Rentenzugang vor 63..
Es gibt die Möglichkeit mit 57 in ATZ zu gehen, wenn es der AG anbietet. Dann ist man aber auch noch 3 Jahre aktiv und ab 60 in der Passivphase. Rentenzugang frühestens 63!
Einige AG bieten derzeit Modelle an, in denen man mit 57 per Abfindung ausscheidet. Auch hier ist der Zugang mit 63! Allerdings muss man dann die fehlenden Rentenpunkte bis zum Zugang selbst ausgleichen. Deswegen die Höhe der Abfindung. Oder man verzichtet darauf und belässt es bei den erworbenen Punkten.
Dazu kommt der Wegfall des AG-Anteil zur KK und PV, den man auch selbst tragen muss. Dies frisst in Summe bis zum Rentenzugang, einiges der erhaltenen Abfindung weg..
Natürlich beziehen die mit 57 keine gesetzliche Rente, sondern wie schon erwähnt zahlt der AG einen Ausgleich bis zur gesetzlichen Rente (was quasi einer Abfindung entspricht), dann ALG1.. Aber die Leute sagen selbst, dass sie in Ruhestand gehen. Ich habe jetzt noch nicht gehört, dass einer von denen in ein Angestellenverhältnis zurückgegangen ist.