Wenn Albert Einstein scheitern durfte, darfst Du es auch

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Uhhh, das böse S-Wort! S-C-H-E-I-T-E-R-N! Ich müsste lange überlegen, welcher Begriff im deutschen Sprachgebrauch noch negativer besetzt und noch schamhafter benutzt wird. Wahrscheinlich müsste ich in die sexuelle Schmuddelkiste greifen, um noch anrüchigere Wörter zu finden.

Wenn ein Mitteleuropäer eine Sache nicht macht, dann ist es die Sache mit dem S-Wort; jedenfalls nicht offiziell. Man redet also nicht darüber und verwendet sehr viel Energie darauf, dass das S-Wort oder auch nur die Vermutung davon, nur ja nie an einem klebt.

Als aktiver Spekulant an der Börse habe ich in den letzten 15 Jahren mehr als nur ein paar Lektionen zum Thema Scheitern erhalten. Ich habe das dann am Anfang natürlich auch auf den Markt geschoben, der gerade total blöd ist oder auf etwas anderes.


Wenn man keine echte Ahnung hat, bekommt man beim aktiven Handel mit der Zeit dermaßen über die Rübe, dass einem bald die Gründe ausgehen, warum etwas nicht funktioniert. Dann kann man entweder aufhören oder sich eingestehen, dass es so nicht geht und das man daran selbst zu 100% die Schuld trägt. Wenn man das hinter sich gebracht hat, kann man sich auch das fiese S-Wort nochmal anschauen. Ja, man ist gescheitert. Ist das das Ende der Welt? Was tut daran so weh? Das Scheitern selbst oder auch etwas anderes? Das unangenehme am „Deutschen Scheitern“ ist nicht nur der Fakt selbst, sondern auch die Scham, die sich in unserer Gesellschaft um diesen Begriff rankt.

So richtig bewusst wurde mir das erst, als ich zum ersten Mal auf einem anderen Kontinent in den USA lebte. Nachdem ich mich nach einigen Wochen von den Verrücktheiten der Amerikaner erholt hatte und auch meine Deutsche Besserwisserei ein wenig abgelegt hatte, war ich reif für eine Überraschung. Neben all Ihren Sonderbarkeiten machen die Amerikaner einige Dinge besser als die Mitteleuropäer. Eine bedeutende davon ist, wie Sie mit dem S-Wort umgehen.

Stell Dir z.B. vor, Du bist nach Deinem Umzug zum ersten Mal auf eine Party von Deinen neuen US-Nachbarn eingeladen. Nach dem Barbecue erzählt Dir der Gastgeber hier in den USA ganz locker, dass er mit seinen ersten beiden Unternehmen fürchterlich gescheitert ist. Er erzählt Dir sogar meistens die Gründe. Er hatte zum Beispiel zu wenig Erfahrung mit den Finanzen, außerdem war der zu blauäugig. Jedenfalls war er danach verschuldet und musste dadurch wieder einige Zeit als Angestellter arbeiten. Dann hat er es nochmal versucht. Nun, beim dritten Versuch hat es funktioniert und es geht ihm ausgezeichnet…

Ist das nicht unglaublich? Im Vergleich dazu würde das Thema in Mitteleuropa entweder gar nicht erzählt werden und falls doch, dann in einer anderen Version. Bei den Unternehmen ist es das Gleiche. Dort kamen neue Kollegen, die einem mit einem Lächeln im Gesicht erzählten, dass Ihr eigenes selbstgegründetes Unternehmen insolvent ist und Sie jetzt mit vollem Einsatz für das gemeinsame Großunternehmen arbeiten wollen. Einem Deutschen Personalberater würden wahrscheinlich die Ohren weg fliegen. Scheitern wird hier viel weniger verheimlicht.

Und jetzt kommt das Beste als Spannungsbogen über den Atlantik zu Deiner Haustür zurück: Wenn all Deine Freunde, Nachbarn und Deine Familie kein Problem damit hätten auch mal zu Scheitern, dann hättest Du selbst auch keins mehr. Und wenn es für Dich DAMIT OK IST ZU SCHEITERN(!), dann würdest Du auch eher neue und riskantere Dinge ausprobieren. Du wechselst vielleicht eher den Job, oder gründest selbst ein neues Business. Es kann natürlich weiterhin in die Hose gehen aber Du probierst wenigstens etwas aus und damit lernst Du etwas Neues (auch über Dich selbst).

Von ganz erfolgreichen Menschen hörst Du sogar Dinge wie „scheitere oft und scheitere schnell“. Das heißt probiere viele neue Sachen, mach Sie intensiv und versuche so schnell wie möglich herauszufinden, ob Du es schaffst oder überhaupt wirklich willst.

Wirklich neue Dinge, die einem nicht vorgekaut werden oder bei denen man keinen Mentor hat, kann man ohne Scheitern ja gar nicht lernen. Und das ist auch ein Grund, warum in Deutschland nur wenige Menschen ein eigenes Unternehmen gründen und sich stattdessen in den vermeintlich sicheren Hafens eines Großunternehmens begeben. Selbst, wenn dieses scheitern würde, ist der Einzelne ja nicht Schuld und ist damit nach deutscher Logik ja auch nicht gescheitert…

Das Ganze ist auch wieder ein gutes Beispiel, wieso ein Landeswechsel für Menschen so vorteilhaft ist. Neben den oft vorhandenen Einkommensvorteilen, gibt es noch etwas wichtigeres: Eine neue Perspektive! Zum Beispiel die, dass Scheitern an einer anderen Ecke der Welt völlig ok ist.

Der Maschinist wünscht Dir eine schöne und erfolgreiche Woche!

 

PS: Albert Einstein lernte erst mit vier Jahren sprechen, war schlecht und unkonzentriert in der Schule und auch sein jahrelanges Angestelltenverhältnis beim Schweizer Patentamt als einfacher Sachbearbeiter gab keinen Hinweis auf das Potenzial des späteren Nobelpreisgewinners.

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Auslandaufenthalt ist so ein Augenöffner. Die Erfahrungen sind unbezahlbar. Der beste Zeitpunkt ist die Unizeit, z.b. bei Praktikas oder Erasmus-Program. Am besten aber ist es zu einem anderen Kontinenten zu reisen und die 1. Welt zu meiden, denn die kennen wir ja schon. Das Beispiel mit dem Begriff scheitern ist nur ein kleines Thema im riesigen Thema Mentalitätsunterschiede und je mehr man unterschiedliche Vorgehensweisen kennt um so cleverer kann man im Leben agieren. Ich habe ads Glück schon mit 8 Jahren in ein anderes Land umgezogen zu sein. Während der Unizeit habe ich in mehreren Ländern gelebt und nach der Uni habe ich wieder das Land gewechselt. Tja, und so langsam will ich wieder woanders hin.

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